Unterm Birnbaum: Das Meisterwerk von Theodor Fontane als freies eBook

 

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Ede rieb sich den Schlaf aus den Augen, nahm Licht und Korb und hob die Falltür auf, die zwischen den übereinandergepackten Ölfässern, und zwar an der einzig frei gebliebenen Stelle, vom Flur her in den Keller führte.
Nach ein paar Minuten war er wieder oben und klopfte vom Laden her an die Tür, zum Zeichen, daß alles da sei.
»Gleich«, rief der wie gewöhnlich mitten in einem Vortrage steckende Hradscheck, »gleich«, und trat erst, als er seinen Satz beendet hatte, von der Weinstube her in den Laden. Hier schob er sich eine schon vorher aus der Küche heranbeorderte Terrine bequem zurecht und griff nach dem Korkzieher, um die Flaschen aufzuziehn. Als er aber den Burgunder in die Hand nahm, gab er dem Jungen, halb ärgerlich, halb gutmütig, einen Tipp auf die Schulter und sagte: »Bist ein Döskopp, Ede. Mit grünem Lack, hab ich dir gesagt. Und das ist gelber. Geh und hole ne richtige Flasche. Wer's nich im Kopp hat, muß es in den Beinen haben.«
Ede rührte sich nicht.
»Nun, Junge, wird es? Mach flink.«
»Ick geih nich.«
»Du gehst nich? warum nich?«
»Et spökt.«
»Wo?«
»Unnen... Unnen in 'n Keller.«
»Junge, bist du verrückt? Ich glaube, dir steckt schon der Mitternachtsgrusel im Leibe. Rufe Jakob. Oder nein, der is schon zu Bett; rufe Male, die soll kommen und dich beschämen. Aber laß nur.«
Und dabei ging er selber bis an die Küchentür und rief hinaus: »Male.«
Die Gerufene kam.
»Geh in den Keller, Male.«
»Nei, Herr Hradscheck, ick geih nich.«
»Auch du nich. Warum nich?«
»Et spökt.«
»In 's Dreideibels Namen, was soll der Unsinn?«
Und er versuchte zu lachen. Aber er hielt sich dabei nur mit Müh auf den Beinen, denn ihn schwindelte. Zu gleicher Zeit empfand er deutlich, daß er kein Zeichen von Schwäche geben dürfe, vielmehr umgekehrt bemüht sein müsse, die Weigerung der beiden ins Komische zu ziehn, und so riß er denn die Tür zur Weinstube weit auf und rief hinein: »Eine Neuigkeit, Kunicke...«
»Nu, was gibt's?«
»Unten spukt es. Ede will nicht mehr in den Keller und Male natürlich auch nicht. Es sieht schlecht aus mit unsrer Bowle. Wer kommt mit? Wenn zwei kommen, spukt es nicht mehr.«
»Wir alle«, schrie Kunicke. »Wir alle. Das gibt einen Hauptspaß. Aber Ede muß auch mit.«
Und bei diesen Worten eines der zur Hand stehenden Lichter nehmend, zogen sie - mit Ausnahme von Woytasch, dem das Ganze mißhagte - brabbelnd und plärrend und in einer Art Prozession, als ob einer begraben würde, von der Weinstube her durch Laden und Flur und stiegen langsam und immer einer nach dem andern die Stufen der Kellertreppe hinunter.
»Alle Wetter, is das ein Loch!« sagte Quaas, als er sich unten umkuckte. »Hier kann einem ja gruslig werden. Nimm nur gleich ein paar mehr mit, Hradscheck. Das hilft. Je mehr Fidélité je weniger Spuk.«
Und bei solchem Gespräch, in das Hradscheck einstimmte, packten sie den Korb voll und stiegen die Kellertreppe wieder hinauf. Oben aber warf Kunicke, der schon stark angeheitert war, die schwere Falltür zu, daß es durch das ganze Haus hin dröhnte.
»So, nu sitzt er drin.«
»Wer?«
»Na wer? Der Spuk.«
Alles lachte; das Trinken ging weiter, und Mitternacht war lange vorüber, als man sich trennte.

 

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Unterm Birnbaum - Das Meisterwerk von Theodor Fontane aus dem Jahre 1885 als komplettes Online Buch mit allen 20 Kapiteln zum freien lesen.