Unterm Birnbaum: Das Meisterwerk von Theodor Fontane als freies eBook

 

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»Recht so«, sagte Hradscheck. »So mach ich's auch. Aber wir sind bei dem Geld und dem Einnähen ganz von Polen abgekommen. Ist es denn wahr, Szulski, daß sie Diebitschen vergiftet haben?«
»Versteht sich, es ist wahr.«
»Und die Geschichte mit den elf Talglichten auch? Auch wahr?«
»Alles wahr«, wiederholte Szulski. »Daran ist kein Zweifel. Und es kam so. Konstantin wollte die Polen ärgern, weil sie gesagt hatten, die Russen fräßen bloß Talg. Und da ließ er, als er eines Tages elf Polen eingeladen hatte, zum Dessert elf Talglichte herumreichen, das zwölfte aber war von Marzipan und natürlich für ihn. Und versteht sich, nahm er immer zuerst, dafür war er Großfürst und Vizekönig. Aber das eine Mal vergriff er sich doch, und da hat er's runterwürgen müssen.«
»Wird nicht sehr glatt gegangen sein.
»Gewiß nicht... Aber, ihr Herren, kennt ihr denn schon das neue Polenlied, das sie jetzt singen?«
»Denkst du daran - - «
»Nein, das ist alt. Ein neues.«
»Und heißt?«
»Die letzten zehn vom vierten Regiment... Wollt ihr's hören? Soll ich es singen?«
»Freilich.«
»Aber ihr müßt einfallen...«
»Versteht sich, versteht sich.«
Und nun sang Szulski, nachdem er sich geräuspert hatte:
»Zu Warschau schwuren tausend auf den Knien:
Kein Schuß im heil'gen Kampfe sei getan,
Tambour, schlag an, zum Blachfeld laß uns ziehen,
Wir greifen nur mit Bajonetten an!
Und ewig kennt das Vaterland und nennt
Mit stillem Schmerz sein viertes Regiment.«
»Einfallen! Chorus.« - »Weiter Szulski, weiter.«
»Ade, ihr Brüder, die zu Tod getroffen
An unsrer Seite dort wir stürzen sahn,
Wir leben noch, die Wunden stehen offen,
Und um die Heimat ewig ist's getan;
Herr Gott im Himmel, schenk ein gnädig End
Uns letzten zehn vom vierten Regiment.«
Chorus: »Uns letzten zehn vom vierten Regiment.«
Alles jubelte. Dem alten Quaas aber traten seine schon von Natur vorstehenden Augen immer mehr aus dem Kopf.
»Wenn ihn jetzt seine Frau sähe«, rief Kunicke.
»Da hätt er Oberwasser.«
»Ja, ja.«
Und nun stieß man an und ließ die Polen leben. Nur Kunicke, der an Anno 13 dachte, weigerte sich und trank auf die Russen. Und zuletzt auch auf Quaas und Kätzchen.
Mietzel aber war ganz übermütig und halb wie verdreht geworden und sang, als er Kätzchens Namen hörte, mit einem Male:
»Nicht mal seiner eignen Frau,
Kätzchen weiß es ganz genau.
Miau.«
Quaas sah verlegen vor sich hin. Niemand indessen dachte mehr an Übelnehmen.
Und nun wurde der Ladenjunge gerufen, um neue Flaschen zu bringen.

 

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Unterm Birnbaum - Das Meisterwerk von Theodor Fontane aus dem Jahre 1885 als komplettes Online Buch mit allen 20 Kapiteln zum freien lesen.